Die Geschichte

DIE GESCHICHTEmund-weiss

 

Die vollständige und wirklich wahre Geschichte des VPT


Die menschliche Stimme ist ein wunderliches Phänomen. Schon wenige gesprochene Worte lassen unser Gehirn über Sympathie oder Antipathie entscheiden, über Annahme oder Ablehnung, über Lüge oder Wahrheit, über Freund oder Feind.

Und dann gibt es unter den menschlichen Stimmen einige wenige, denen sich niemand entziehen kann. Große Stimmen von Männern und Frauen, die uns sofort in ihren Bann ziehen, uns in Sicherheit wiegen, uns von Allem überzeugen, uns mitnehmen und uns in die Geschichten, die sie erzählen, augenblicklich versinken lassen. Sie geben uns Kraft, machen uns Mut oder sie lassen uns das Blut in den Adern gefrieren. Manchmal rühren sie uns zu Tränen, niemand aber bleibt von diesen besonderen Stimmen unberührt. Nur eine von tausend Stimmen hat diese Macht, und so ist es schon verwunderlich, dass ausgerechnet ein kleiner Junge aus einfachsten Verhältnissen, ohne nennenswerte Schulbildung und elterliche Förderung zu einem der größten Stimmwunder der Geschichte werden sollte. Dieser kleine bemerkenswerte Kerl hieß Knut.

Schon sein erster Schrei ließ die Hebamme erschauern, schwitzen und frösteln zugleich. Sie ließ das Neugeborene auf der Stelle fallen, da sie selbst von dem Wohlklang seines feinen Stimmchens überwältigt in Ohnmacht sank. Diese Tatsache sorgte dafür, dass der Knabe ein bisschen komisch aussah und von jetzt an süß schielte, was seine Mutter und seinen Vater aber nicht weiter störte. Und warum auch? Später betörte der Kleine nicht nur seine Eltern, seine Kindergärtnerinnen und seine Nachbarskinder, sondern zog schlichtweg jeden Menschen mit dem er sprach augenblicklich auf seine Seite, zauberte jedem ein Lächeln auf das Gesicht und eroberte alle Herzen mit jedem Satz, den seine Zunge verließ im Sturm.
Eigentlich jedes Wort, das Knut sprach, hatte auf seine Mitmenschen dieselbe Wirkung. Egal ob er einen guten Morgen wünschte, in der Schule eine Matheaufgabe vorrechnete oder beim Metzger ein Mettbrötchen mit extra viel Zwiebeln bestellte, immer war die angesprochene Person verzückt, verfiel in dümmliches Grinsen und war bereit dem Jungen jeden Wunsch zu erfüllen.

Als Knut 12 Jahre alt war rezitierte er das erste Mal vor der gesamten Schule auf einer Bühne beim Schulwettbewerb ein Gedicht. Und obgleich es nur ein einfaches, kurzes, inhaltlich fast armseliges Stück Lyrik aus eigener Feder war, erntete er begeistertes Johlen, ergriffenes Schluchzen und laute Bravo-Rufe seines Publikums. Mit diesem Moment stand für Knut fest: Er wollte die Bühnen der ganzen Welt erobern. Und nichts hätte ihn an diesem Vorhaben hindern können, wäre alles so geblieben wie es war. Aber das tat es nicht. Denn unweigerlich steuerte Knut auf eine Katastrophe zu: die Pubertät!

Es war beim großen Landesfinale eben jenes Lyrikwettbewerbes als Knut mitten in seinem Vortrag bemerkte, dass irgendetwas Entscheidendes mit seiner Stimme passierte. Zunächst nur ein kleiner Kiekser beim Sprechen, dann ein heiseres Räuspern und urplötzlich hatte sich seine charismatische und wohlklingende Stimme in ein schrilles, rostiges Reibeisen verwandelt, das einem die Ohren bluten ließ. Das Publikum war für einen Moment völlig schockiert, dann tobte es vor Lachen. Mit Schimpf und Schande wurde Knut von der Bühne gejagt. Für den Jungen brach in diesem Augenblick eine Welt zusammen. Sein gesamtes Kapital war in dieser einen Sekunde wie weggewischt. Er war ein Nichts, ein Niemand, ein erbärmlicher Verlierer.
Lange Zeit igelte der arme Knut sich in seinem Jugendzimmer ein. Aus düsteren Tagen wurden traurige Wochen. Aus trostlosen Wochen wurden verzweifelte Monate. Und aus hilflosen Monaten wurden niederschmetternde Jahre.
Knut vegetierte schließlich in einer alten Garage vor sich hin, sein einziger Gefährte ein leiernder Kassettenrekorder der die Kinderhörspiele seine Jugendzeit abspielte. Die vertrauten Stimmen seiner Kindheitshelden waren sein einziger Trost in dieser einsamen Zeit.

Dann, eines Nachts, geschah es! In unruhigem Schlaf schlich sich ein Traum in Knuts Geist. Und in diesen Traum schlich sich eine Gestalt, ein Freund, ein Held, ein Superheld. Er sah Knut selbst nicht unähnlich, trug jedoch eine Maske über den Augen und einen Umhang. Er stellte sich seinem Träumer als Zeichen-Machen-Man vor, dem Retter verirrter Seelen. Er sei hier um ihm ein Zeichen zu geben und den rechten Weg zu weisen. „Knut“, sprach er, „Knut, du sollst ab heute nicht mehr untätig sein! Kehre ins Leben zurück und erobere die Bühnen dieser Welt! Ab heute sollst du SupaKnut heißen! Du kannst es schaffen! Du bist ein toller Typ! Alles spricht für dich!“
Als Knut erwachte konnte er sich an jedes Wort aus seinem Traum erinnern, und schlagartig wurde ihm bewusst was er nun zu tun hatte. Er würde nicht weiter untätig sein trauriges Leben fristen. Er würde die Bühnen dieser Welt erobern. Er würde es schaffen. Und schließlich würde er – und er lächelte in sich hinein bei diesem Gedanken – alle für sich sprechen lassen.
Und so geschah es. SupaKnut kroch aus seiner Garage in die Welt hinaus. Nie wieder wollte er einsam sein, und so fand er durch eine Selbsthilfegruppe für wahnsinnig gewordene Bühnenkünstler fünf Freunde: den tatkräftigen Thomas, die brillante Britta, den charismatischen Christoph, den schwindelerregenden Sven und den durchblickenden David. Diese Gruppe von genial Verrückten stachelte sich durch den unbedingten Willen zum Rock n Roll-Leben zu kreativen Höchstleistungen an und bestieg nach kurzer Zeit zum ersten Mal gemeinsam die Bühne.

Der Rest ist Geschichte. Die sechs stürmten die Theater und Konzerthallen des Landes, sprachen dabei zwar kein Wort, ließen aber die größten Stimmen ihrer Zeit für sich sprechen. Sie spielten Theater zum Playback und wenn das Publikum sie feierte ließen sie sich nach der Show volllaufen. Das VollPlaybackTheater war geboren.
VPT – alles spricht für uns!

Ist natürlich totaler Quatsch. In echt war es so:

In einer Zeit, als das Wünschen noch geholfen hat, rief ein strenger König: „Halt die Fresse!“ und alle Untertanen folgten seinem Befehl. Alle Untertanen? Nein, ein von unbeugsamen Wuppertalern bevölkertes Ensemble hört nicht auf, Sprache zu benutzen. Allerdings nahmen sie einfach bereits aufgenommene Sprache und überlisteten so den bösen König. Und wenn sie nicht gestorben sind, dann schweigen sie noch heute.

Das VPT. Shutting up since 1997.

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